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Ulrich Greiner

Fanatismus des Mitgefühls
Vor 200 Jahren wurde die englische Schriftstellerin George Eliot geboren. Ihr Roman "Middlemarch" ist ein Wunderwerk

Es kommt nicht eben häufig vor, dass die Queen um ein Autogramm bittet. Ende des 19. Jahrhunderts allerdings ist George Eliot selber eine Queen, die Queen der englischen Literatur, und ihr Ruhm ist seit dem Erscheinen des Romans "Middlemarch" (1872) so immens, dass ihr die Königin Victoria diese ungewöhnliche Ehre erweist. Damals weiß man bereits, dass sich hinter dem männlichen Namen die Schriftstellerin Mary Ann Evans verbirgt. Es ist ebenfalls bekannt, dass sie seit 18 Jahren mit dem Schriftsteller George Henry Lewes in einer "wilden Ehe" lebt. Aber nun endlich, nach Zeiten der Ausgrenzung, spielt das keine erhebliche Rolle mehr. Sie hat es geschafft. 1876 erscheint ihr letzter Roman "Daniel Deronda". Vier Jahre später stirbt sie im Alter von 61, vermutlich an einem Nierenleiden.

In der Geschichte des englischen Romans zählt "Middlemarch" zu den unbestrittenen Höhepunkten, was insofern viel bedeutet, als die Gattung des Romans im Grunde eine englische Erfindung ist. Nicht allein von seinem Umfang her (in der Übersetzung etwa 1200 Seiten) ist "Middlemarch" außergewöhnlich, sondern auch wegen des machtvollen und scharfsinnigen Zugriffs, der eleganten und amüsanten Sprache, des Reichtums an unvergesslichen Charakteren. Nicht zuletzt erzählt das Buch eine ebenso spannende wie bewegende Geschichte.

Im Zentrum steht eine Kleinstadt irgendwo in der Mitte Englands. Zeitpunkt sind die Jahre um 1830. Noch herrschen die alten Klassenverhältnisse, noch unterdrückt der betuchte Landadel die Pächter in gewohnter Weise, aber schon beginnt eine Bourgeoisie aus Fabrikanten, Ärzten und Bankiers mächtig zu werden, und die Signale der industriellen Revolution sind unübersehbar. Es soll eine Eisenbahnlinie gebaut werden, was für Unruhe sorgt. Auch politisch bewegt sich einiges. Eine Parlamentsreform steht an, wird aber einstweilen gestoppt.

Es ist bewundernswert, wie präzise diese Vorgänge das erzählte Panorama grundieren. George Eliot betreibt Soziologie mit den Mitteln der Romankunst. Ihre Fähigkeit, sich in nahezu allen Wissensgebieten, ob Medizin oder Ökonomie, Philosophie oder Altertumskunde kundig zu machen, hat schon den Zeitgenossen imponiert.

All dies bildet nur den Hintergrund. Im Vordergrund steht ein Ensemble von etwa einem Dutzend Menschen, die ihrerseits Verwandte und Bekannte haben, so dass, wenn man zählen wollte, am Ende sicherlich rund vierzig handelnde Personen zusammen kämen, und es ist abermals bewundernswert, wie leicht sich der Leser in diesem Erzählgebirge zurecht finden kann.

Seine größte Anteilnahme erregt Dorothea. Sie ist eine der drei weiblichen Hauptfiguren, denn "Middlemarch" erzählt im Kern die Geschichte der Emanzipation, der damals möglichen wohlgemerkt, und es ist klar, dass George Eliot, zumal im Licht der eigenen Erfahrungen, daran höchst interessiert ist. Dorothea, 18 Jahre alt, elternlos und erzogen in einem schweizerischen Internat, lebt zusammen mit ihrer jüngeren Schwester bei ihrem Onkel, einem humorvoll gezeichneten und intellektuell minderbemittelten Vertreter des Landadels. Ms. Brooke ist eine aparte Schönheit, erfüllt von einem wilden Idealismus: "Es entsprach ihrem Charakter, das Martyrium zu suchen, sich davon wieder abzukehren und dann doch das Martyrium auf einem Feld zu erleiden, wo sie es gar nicht gesucht hatte."

Das Martyrium begegnet ihr in der Gestalt von Mr. Casaubon, eines ältlichen Theologen, der sich in sein grundstürzendes Werk über "alle Mythologien" verbissen hat. Dorothea, erfüllt von leidenschaftlichem Bildungseifer, sieht in ihm den väterlichen Lehrmeister, an dessen Seite sie emporwachsen kann. Er wiederum sieht in ihr die Verkörperung jugendlicher Frische, die seiner erlahmenden Vitalität Auftrieb geben kann. Er hält um ihre Hand an und sagt: "Der große Reiz Ihres Geschlechts ist die Fähigkeit zu glühender, selbstaufopfernder Zuneigung, und hierhin sehen wir die Eignung, unsere eigene Existenz abzurunden und zu vervollständigen."

Viel später, als Dorothea unter der monströsen Gefühlskälte ihres Mannes immer stärker leidet und als sie begreift, dass er sich mit seinen endlosen Exzerpten, bei deren Niederschrift sie als Sekretärin dient, in einer Sackgasse verrannt hat, bemerkt die Autorin: "Die Vorsehung in ihrer Güte hatte ihn mit einem Weib ausgestattet, das er brauchte. Ob die Vorsehung die gleiche Fürsorge für Miss Brooke geübt hatte, indem sie sie mit Mr. Casaubon beschenkte, war ein Gedanke, der ihm wohl kaum in den Sinn kommen konnte."

Auf einer Reise nach Rom, wo sich Casaubon in Archiven vergräbt, begegnet sie Will, einem etwa gleichaltrigen lebensfrohen Burschen, der Maler werden will, und beide unterhalten sich über die Schönheit der Kunst. Dorothea gesteht, dass sie dafür nicht sehr empfänglich ist: "Ich würde gerne das Leben schön gestalten – ich meine, jedermanns Leben. Und dann all diese ungeheuren Ausgaben für Kunst, das scheint irgendwie außerhalb des Lebens zu liegen und es um nichts in der Welt besser zu machen, das quält einen. Das verdirbt mir den Genuss an allem, wenn ich daran denken muss, dass die meisten Leute davon ausgeschlossen bleiben." Und Will entgegnet fast empört: "Das nenne ich einen Fanatismus des Mitgefühls!"

Die zweite weibliche Hauptfigur besitzt diesen Fanatismus des Mitgefühls überhaupt nicht. Rosamond gilt als das schönste Mädchen der Stadt. Mit ihrer erlesenen Garderobe und ihrer Gesangeskunst bezaubert sie alle. Sie verkörpert die Alternative zu Dorotheas dienendem Idealismus: Machtentfaltung mit den konventionellen Mitteln der Weiblichkeit. "Jeder Nerv und jede Faser in Rosamond waren von dem Bewusstsein bestimmt, dass man sie ansah. Sie war von Natur aus eine Schauspielerin, der alle Rollen wie auf den Leib geschrieben waren: Sie spielte sogar sich selbst, und zwar so gut, dass sie nicht einmal wusste, dass es genau sie selbst war."

Die dritte Figur ist Mary. Dass sie keine Schönheit ist, wird mehrfach vermerkt, aber sie verkörpert eine andere Variante weiblicher Chancen. Sie besitzt Witz und Intelligenz, Tatkraft und Optimismus, und weil sie trotz ihrer Neigung zum Sarkasmus ein herzensguter Mensch ist, stößt sie überall auf Sympathie.

Um diese drei Frauen herum ranken sich Dramen, deren Ursprung in den für die bürgerliche Gesellschaft charakteristischen Triebkräften liegt: Liebe, Ruhm, Geld. Die drei sind ineinander verflochten, aber ungleich verteilt. Es gibt die bizarre Nachlassgeschichte eines vermögenden Geizkragens und den heldenhaften Kampf einer braven Familie ums tägliche Brot, den überraschenden Sturz des reichsten Mannes der Stadt und das niederträchtige Testament von Mr. Casaubon. All diese Geschichten (und noch viele mehr) sind so ineinander verwoben, dass man sagen kann: Die eigentliche Hauptfigur ist Middlemarch.

George Eliots Blick auf die spießige Kleinstadt ist geprägt von einer boshaften Nachsicht. Sie erinnert an Gottfried Kellers "Leute von Seldwyla". Auch in Middlemarch gerät das geruhsame Leben der Bürger durch die Ankunft eines Fremden in Unordnung. Es handelt sich um den jungen, ehrgeizigen Arzt Lydgate, dessen moderne medizinische Methoden auf den Widerstand der eingesessenen Ärzteschaft stoßen. Den Konflikt, der groteske Züge annimmt, schildert der Roman mit beißender Ironie.

Doch bei aller Schärfe, die sich die Autorin zuweilen gestattet, stellt sie ihre Figuren niemals bloß. Alle sind sie insofern plastisch, als ihren Schwächen immer auch Vorzüge entsprechen, und selbst für die widrigen Charaktere wirbt der Text um Verständnis.

Lydgate verliebt sich in Rosamond, sie heiraten, aber die Verschwendungssucht der schönen Gattin treibt ihn in den Ruin und die Ehe an den Rand des Abgrunds. Dorothea erscheint als der rettende Engel. In einem dramatischen Gespräch mit Rosamond sagt sie: "Die Ehe ist so ganz anders als alles sonst. Die Nähe zum andern, die sie verursacht, hat sogar etwas Schreckliches an sich."

Vielleicht ist das die bittere Weisheit der Geschichte. Doch die Ehe ist der einzig gangbare Weg, eine Rolle zu spielen. Das gilt auch für den Mann, aber mehr noch für die Frau. George Eliot jedoch weiß, dass sie ihre Leserinnen mit dieser unbekömmlichen Einsicht nicht verabschieden darf, und so schließt sie den gewaltigen Sack ihres Romans mit einem hübschen Knoten: Am Ende geht alles mehr oder weniger gut aus. Doch dieser Knoten ist so leichthändig geknüpft, dass er eine feine Ironie verrät.

Vor 200 Jahren, am 22. November, wird Mary Ann Evans als Tochter eines Gutsverwalters in Warwickshire geboren. Sie ist ungewöhnlich begabt, lernt mehrere Sprachen, darunter Deutsch, und übersetzt das seinerzeit berühmte "Leben Jesu" von David Friedrich Strauß. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten George Henry Lewes, der eine begeistert aufgenommene Goethe-Biografie verfasst, reist sie mehrmals nach Deutschland. In den fünfziger Jahren erscheinen unter dem Pseudonym George Eliot ihre ersten Erzählungen, die Charles Dickens begeistert rezensiert.

Mit ihren Romanen "Adam Bede" (1859) und "Silas Marner" (1861) wird sie so berühmt, dass auch der 25-jährige Henry James einer ihrer Verehrer wird und sie 1868 besucht. In einem Brief an seinen Vater beschreibt er ihre "niedrige Stirn" und die "hängende Nase", fügt dann jedoch hinzu: "In dieser immensen Hässlichkeit wohnt eine überaus mächtige Schönheit, die in wenigen Minuten den Sinn bezaubert, so dass man am Ende in sie verliebt ist, wie ich es war."

Der Amerikaner Henry James, der später zum Wahl-Engländer und zu einem der größten Romanciers werden sollte, schrieb als Literaturkritiker auch über die geliebte George Eliot. An "Middlemarch" hatte er manches auszusetzen ("Die Autorin will zu viele Dinge sagen und sie zu gut sagen"), nannte den Roman gleichwohl "eine großartige Leistung". Seine uneingeschränkte Bewunderung fand der relativ schmale "Silas Marner" (deutsch etwa 200 Seiten), und wer sich mit George Eliot bekannt machen will, sollte mit dieser legendenhaft schlichten und schönen Erzählung beginnen.

"Middlemarch" gibt es in einer älteren, jetzt überarbeiteten Übersetzung von Rainer Zerbst (ihr sind die Zitate entnommen) sowie in einer gänzlich neuen von Melanie Walz. Beide lesen sich sehr gut, wobei die von Walz manchmal eine Spur geschmeidiger klingt.

George Eliot: "Middlemarch - Eine Studie über das Leben in der Provinz"
- Aus dem Englischen übersetzt, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Rainer Zerbst; mit einem Vorwort von Elisabeth Bronfen. dtv Verlagsgesellschaft, München 2019; 1148 S., xxxx €
- Herausgegeben und übersetzt von Melanie Walz. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019; xxxx S., xxxx €
George Eliot: "Silas Marner - Der Weber von Raveloe". Aus dem Englischen von Elke Link und Sabine Roth, mit einem Nachwort von Alexander Pechmann. dtv Verlagsgesellschaft, München 2019; 238 S., 11,90 €



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